Neurologie und Stolpern
Ein Pferd strauchelt häufiger, schleift gelegentlich mit einer Zehe oder setzt ein Bein etwas ungewöhnlich auf. Das muss noch keine neurologische Erkrankung bedeuten. Wiederholen sich solche Auffälligkeiten jedoch oder kommen weitere Veränderungen im Bewegungsablauf hinzu, gehört auch das Nervensystem in die Überlegungen.
Gerade leichte neurologische Störungen können schwierig zu erkennen sein. Bei Sportpferden zeigen sie sich teilweise zunächst als unspezifische Leistungseinbusse oder verändertes Gangbild und können mit einer orthopädischen Lahmheit verwechselt werden.
Propriozeption – das Wissen um die eigenen Beine
Damit ein Pferd seine Gliedmassen präzise bewegen kann, braucht es nicht nur Muskeln, Gelenke und Sehnen. Das Nervensystem muss jederzeit Informationen darüber erhalten und verarbeiten, wo sich Beine, Gelenke und Körper im Raum befinden. Diese Eigenwahrnehmung wird Propriozeption genannt.
Sind die dafür verantwortlichen Nervenbahnen beeinträchtigt, kann die Platzierung der Gliedmassen ungenauer werden. Das Pferd kann beispielsweise Zehen schleifen, sich selbst auf die Füsse treten, die Beine ungewöhnlich weit nach aussen führen oder leichter das Gleichgewicht verlieren. Genau solche Veränderungen werden bei der neurologischen Untersuchung gezielt beurteilt.
Ataxie ist mehr als Stolpern
Der Begriff Ataxie wird im Pferdebereich schnell verwendet. Fachlich bezeichnet er jedoch eine Störung der koordinierten Bewegung, die nicht einfach durch eine orthopädische Einschränkung oder reine Muskelschwäche erklärt werden kann.
Bei einer sogenannten propriozeptiven oder sensorischen Ataxie ist die Wahrnehmung der Körper- und Gliedmassenposition beeinträchtigt. Typisch können ein schwankender Gang, ungenaue Fussplatzierung und mangelnde Koordination sein. Häufig kommt zusätzlich eine gewisse Schwäche hinzu.
Stolpern kann eines von mehreren Symptomen sein. Für die neurologische Beurteilung ist das gesamte Bewegungsbild entscheidend.
Die Halswirbelsäule als mögliche Verbindung
Besondere Bedeutung hat beim Pferd die Halswirbelsäule. Durch den Wirbelkanal verläuft das Rückenmark, über das Informationen zwischen Gehirn und Gliedmassen weitergeleitet werden.
Kommt es beispielsweise bei einer Kompression des Rückenmarks, können Ataxie, Schwäche und Veränderungen der Gliedmassenkoordination entstehen. Je nach Erkrankung können die Hintergliedmassen deutlicher betroffen sein.
Aber auch Veränderungen im Bereich der Halswirbelsäule ohne klassische Rückenmarkskompression können das Bewegungsbild beeinflussen. In der Fachliteratur werden unter anderem veränderte Bewegungsmuster der Vordergliedmassen, Schwierigkeiten beim frühen Auffussen sowie Stolpern beschrieben.
Zu beachten gilt, dass ein Röntgenbefund an der Halswirbelsäule nicht zwingend das Stolpern erklärt. Die Bildgebung und das klinisches Erscheinungsbild müssen zusammenpassen.
Woran kann eine neurologische Auffälligkeit sichtbar werden?
Bei der neurologischen Untersuchung wird ein Pferd deshalb nicht einfach nur geradeaus geführt. Der Tierarzt verändert gezielt die Anforderungen an Gleichgewicht und Koordination.
Beurteilt werden unter anderem das Gehen auf gerader Linie, enge Wendungen, Rückwärtsrichten, unterschiedliche Untergründe sowie bergauf und bergab. Auch das Gehen mit angehobenem Kopf kann leichte Defizite deutlicher sichtbar machen. Zusätzlich werden im Stand Haltung, Muskelzustand, Schmerzreaktionen, Hirnnerven und weitere neurologische Funktionen untersucht.
Gerade leichte Auffälligkeiten können erst unter solchen erschwerten Bedingungen sichtbar werden.
Neurologisch - orthopädisch oder Futterbedingt?
Genau hier liegt eine der Schwierigkeiten. Auch die Fütterung kann neurologische Erkrankungen auslösen: Kadaver im Raufutter, Giftpflanzen wie z.B. das Jakobkreuzkraut können neurologische Störungen hervorrufen.
Das Teilgebiet der Medizin, die Orthopädie, befasst sich mit Fehlbildungen und Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates. Ein Pferd kann wegen Schmerzen kürzer treten, die Zehe schleifen oder ein Bein anders führen. Ein neurologisches Problem kann ebenfalls zu einer veränderten Gliedmassenbewegung führen. Zudem können orthopädische und neurologische Probleme auch gleichzeitig vorhanden sein.
Fachliteratur zu neurologischen Erkrankungen bei Sportpferden weist ausdrücklich darauf hin, dass milde neurologische Gangstörungen mit Lahmheiten verwechselt werden können. Deshalb gehören Anamnese, orthopädische und neurologische Untersuchung zusammen.
Welche Erkrankungen können dahinterstehen?
Eine neurologische Gangstörung ist selbst noch keine Diagnose. Erkrankungen des Rückenmarks, der Halswirbelsäule, peripherer Nerven oder des Gehirns können unterschiedliche neurologische Symptome verursachen.
Zu den in der Fachliteratur beschriebenen Ursachen spinaler Ataxie gehören beispielsweise
- die Rückenmarkskompression im Bereich der Halswirbelsäule (CVCM), neurodegenerative Erkrankungen wie die equine neuroaxonale Dystrophie (eNAD) und
- die equine degenerative Myeloenzephalopathie (EDM),
- Traumata und
- abhängig von Region und Situation verschiedene infektiöse Erkrankungen.
Welche davon überhaupt infrage kommt, lässt sich aus dem Symptom Stolpern allein nicht ableiten.
Stolpern ernst nehmen – ohne vorschnell zu diagnostizieren
Gelegentliches Straucheln kommt auch bei gesunden Pferden vor. Auffälliger wird es, wenn ein Pferd zunehmend stolpert, regelmässig mit einer Gliedmasse einknickt, Zehen schleift, Schwierigkeiten bei engen Wendungen zeigt oder insgesamt unsicherer wirkt.
Bei Verdacht auf eine neurologische Störung kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: die Sicherheit von Pferd und Mensch. Ein Pferd, das seine Gliedmassen nicht zuverlässig koordinieren oder sein Gleichgewicht nicht ausreichend halten kann, stellt unter dem Reiter und im täglichen Umgang ein Sicherheitsrisiko dar. Auch mit leichten Reitern, wie z. B. Kindern!
👉 Bei entsprechenden Auffälligkeiten sollte deshalb nicht einfach weitertrainiert werden, sondern eine tierärztliche Abklärung erfolgen. Die neurologische Untersuchung wird aus Sicherheitsgründen am Boden durchgeführt.
Stolpern ist auch hier nur das sichtbare Symptom. Entscheidend ist das Bewegungsmuster, das sich rundherum zeigt.
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