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WNV 2026: Vom südeuropäischen Risiko zur europäischen Pferdegesundheitsfrage

Nicht Panik sondern die Situation neu einordnen.
24. Oktober 2026 durch
BEST OF HORSE HAY, Corinne Hauser
Seit dem letzten Faktencheck vom 22.9. und dem Update vom 7. Oktober 2026 ergeben sich neue wissenswerte Punkte.

West-Nil-Virus ist 2026 keine theoretische Gefahr mehr für die Schweizer Pferdehaltung. Der erste autochthone Pferdefall ist bestätigt. Gleichzeitig dokumentieren die europäischen Behörden eine aussergewöhnlich breite WNV-Saison mit einer geografischen Ausdehnung bis weit nach Nord- und Westeuropa. 

Das bedeutet nicht, dass jedes Pferd unmittelbar gefährdet ist. Es bedeutet aber, dass West-Nil-Fieber künftig in Prävention, Differentialdiagnostik und Gesundheitsmanagement von Pferden in der Schweiz mitgedacht werden sollte. 

Die europäische Überwachung zeigt, dass sich das WNV-Geschehen 2026 geografisch weiter nach Norden ausgedehnt hat. Damit verliert die frühere Vorstellung, West-Nil-Fieber sei in erster Linie ein Problem der klassischen südlichen Risikogebiete, zunehmend an Bedeutung.

Die entscheidende Veränderung 2026 ist deshalb weniger eine einzelne Fallzahl. Es ist die geografische Verschiebung des Virus.


Nicht das Pferd verbreitet das Virus
Für das Verständnis des West-Nil-Virus ist ein Punkt entscheidend: Das Pferd steht nicht im Zentrum des natürlichen Infektionskreislaufs. Das Virus zirkuliert hauptsächlich zwischen Wildvögeln und Stechmücken. Infizierte Mücken können das Virus anschliessend auf Pferde oder Menschen übertragen. Pferd und Mensch gelten als sogenannte Fehl- beziehungsweise Endwirte. Eine direkte Übertragung von Pferd zu Pferd oder vom Pferd auf den Menschen wurde nicht festgestellt. In Europa spielen insbesondere Culex pipiens und Culex modestus eine wichtige Rolle bei der Übertragung. Auch weitere Mückenarten kommen als mögliche Vektoren infrage. Damit müssen Wildvögel, Mücken, Pferde und Menschen gemeinsam betrachtet werden. Genau deshalb überwachen die Behörden WNV zunehmend nach dem One-Health-Prinzip.

Hintergrund:

Lange wurde das West-Nil-Virus vor allem mit Südeuropa verbunden. Die Entwicklung im Jahr 2026 zeigt jedoch ein anderes Bild: Das Virus breitet sich geografisch weiter aus – und hat inzwischen auch die Schweiz erreicht.

EFSA und ECDC sprechen für 2026 von der grössten geografischen Ausbreitung seit Beginn ihrer entsprechenden Überwachung. 

7. Oktober 2026

21. Oktober 2026'

511 WNV-Ausbrüche Equiden

keine neuere Erhebung

595 WNV-Ausbrüche Vögel

keine neuere Erhebung

1'855 WNV-Infektionen Menschen

1'965 WNV-Infektionen Menschen

Bis zum 21. Oktober stieg die Zahl der lokal erworbenen Humaninfektionen weiter auf 1'965 Fälle in 20 europäischen Ländern und 229 betroffenen Gebieten. ECDC weist gleichzeitig darauf hin, dass die Übertragungsbedingungen im Herbst zunehmend ungünstiger werden. Eine weitere Virusübertragung ist dennoch möglich.

Die Schweiz bestätigte im August den ersten Fall.
Am 26. August 2026 bestätigte das Institut für Virologie und Immunologie IVI erstmals eine in der Schweiz erworbene West-Nil-Virus-Infektion bei einem Pferd.
Bereits 2022 war WNV erstmals in einheimischen Mücken nachgewiesen worden. 2025 folgte der erste bestätigte lokal durch Mücken übertragene Humanfall. 2026 kam nun der erste autochthone Pferdefall hinzu. Der eine Fall in der Schweiz ist epidemiologisch bedeutend. Er zeigt, dass die für eine Übertragung notwendigen Voraussetzungen inzwischen auch in der Schweiz vorhanden sind.
Das BLV bewertet die Gefahr eines Auftretens von West-Nil-Fieber in der Schweiz aktuell als gross.

Frankreich: Rekordjahr bei Pferden
Frankreich verdient aus Schweizer Sicht besondere Aufmerksamkeit.
EFSA und ECDC halten ausdrücklich fest, dass Frankreich 2026 die höchste jemals im Land registrierte Zahl an WNV-Ausbrüchen bei Equiden gemeldet hat. Gleichzeitig erreichte Frankreich einen neuen Höchststand bei den Humaninfektionen. Bis zum 21. Oktober wurden dort 173 lokal erworbene Humanfälle in 30 betroffenen Gebieten gemeldet.

Spanien: Virusaktivität bleibt deutlich sichtbar
Bis zum 21. Oktober meldete ECDC 145 lokal erworbene Humaninfektionen in sechs betroffenen Gebieten. Dass WNV gleichzeitig im Tierbereich aktiv ist, zeigen die offiziellen spanischen Tierseuchendaten. Das spanische Landwirtschaftsministerium MAPA dokumentierte beispielsweise am 30. September 2026 einen WNV-Ausbruch in Andújar in der Provinz Jaén, Andalusien.
Die Situation auf der Iberischen Halbinsel bleibt deshalb für die europäische WNV-Beobachtung relevant.

Portugal verstärkt Prävention und Überwachung
Portugal verfügt für die Jahre 2026–2028 über einen eigenen aktiven und passiven WNV-Überwachungsplan. Die Überwachung umfasst ausdrücklich Wildvögel und Equiden und basiert unter anderem auf klinischen, epidemiologischen und serologischen Untersuchungen.
Die portugiesische Veterinärbehörde DGAV empfiehlt die Impfung von Equiden in Risikogebieten. Auf dem portugiesischen Festland ist eine freiwillige Impfung unter den behördlich festgelegten Voraussetzungen möglich. Verdachtsfälle müssen der DGAV gemeldet werden.

Deutschland: bislang deutlich weniger Fälle
Deutschland zeigte zumindest bis Anfang September ein deutlich moderateres WNV-Geschehen bei Pferden. Das Friedrich-Loeffler-Institut bestätigte bis zum 3. September 2026 zwei WNV-Fälle bei Pferden und fünf Fälle bei Wild- und Zoovögeln.
Das FLI betonte gleichzeitig, dass mit weiteren Erkrankungen und einer weiteren regionalen Ausbreitung gerechnet werden müsse. Bei Pferden mit neurologischen Symptomen sollte WNV deshalb als Differentialdiagnose berücksichtigt werden.
Im September nahm die Aktivität allerdings zu: Die österreichische AGES weist auf Basis der europäischen ADIS-Meldungen für diesen Monat neun Pferdeausbrüche aus Deutschland aus.

Österreich: Risiko weiterhin hoch
Im September wurde ein WNV-Ausbruch bei einem Pferd in Mistelbach in Niederösterreich registriert. Die AGES bewertet das Risiko weiterer WNV-Ausbrüche in Österreich als hoch. Die Behörde weist zudem darauf hin, dass im September europaweit weiterhin zahlreiche Ausbrüche bei Pferden und Vögeln gemeldet wurden.

Italien bleibt ein Schwerpunkt
Italien bleibt nach der gemeinsamen Bewertung von EFSA und ECDC 2026 das am stärksten betroffene europäische Land, wenn die gesamte WNV-Aktivität betrachtet wird. Italien meldet die höchste Zahl an Humanfällen sowie an Ausbrüchen bei Vögeln. Bis zum 21. Oktober wurden 770 lokal erworbene Humaninfektionen in 70 betroffenen Gebieten gemeldet – deutlich mehr als in jedem anderen europäischen Land.
Für die Beurteilung des Risikos ist diese breite Viruszirkulation mindestens ebenso relevant wie die reine Zahl klinisch erkrankter Pferde.

Pferdezahlen mit Vorsicht lesen 
Bei internationalen Vergleichen ist eine wichtige Unterscheidung notwendig:
Ein gemeldeter Ausbruch bei Equiden ist nicht automatisch mit einem einzelnen erkrankten Pferd gleichzusetzen. Ausserdem unterscheiden sich Überwachung, Untersuchungsintensität und Meldesysteme zwischen den Ländern.

Hinzu kommt aktuell eine Unstimmigkeit zwischen offiziellen europäischen und nationalen Veröffentlichungen: EFSA nennt für den Datenstand 7. Oktober europaweit 511 Ausbrüche bei Equiden, während die portugiesische DGAV für denselben Stichtag eine deutlich höhere Zahl veröffentlicht.

Solange diese unterschiedliche Zählweise nicht eindeutig geklärt ist, sollte deshalb auf eine scheinbar exakte europäische Rangliste der Länder nach Equiden-Ausbrüchen verzichtet werden. Entscheidend ist die nachweisbare Entwicklung: 2026 weist eine aussergewöhnlich breite WNV-Zirkulation in Europa auf.

Was bedeutet das für Schweizer Pferdehalter?
West-Nil-Fieber ist bei Pferden in der Schweiz eine zu überwachende und meldepflichtige Tierseuche. Das IVI empfiehlt bei der Diagnostik den gleichzeitigen Nachweis des Virusgenoms und von Antikörpern. Bei lebenden Pferden können unter anderem Serum und Liquor untersucht werden.

Für Pferdehalter bedeutet dies vor allem:
Neurologische Auffälligkeiten oder hohes Fieber sollten tierärztlich abgeklärt werden. Gleichzeitig gewinnt der Schutz vor Mücken an Bedeutung – insbesondere das Reduzieren möglicher Brutstätten mit stehendem Wasser.

Impfung gegen West-Nil-Virus in der Schweiz
Für Pferde ist in der Schweiz ein Impfstoff gegen das West-Nil-Virus zugelassen. Dies bestätigen sowohl das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) als auch das Institut für Virologie und Immunologie (IVI).

Die Impfung verhindert nicht zwingend jede Infektion, sie dient jedoch dem Schutz des Pferdes vor der Erkrankung und insbesondere vor schweren Krankheitsverläufen.

Nach dem ersten in der Schweiz erworbenen WNV-Fall bei einem Pferd im August 2026 gewinnt die Impffrage auch für Pferde an Bedeutung, die nicht ins Ausland reisen. Das IVI sieht zunehmend Hinweise darauf, dass sich das Virus auch in Teilen der Schweiz nördlich der Alpen etablieren könnte.

Das BLV stuft die Gefahr eines Auftretens von West-Nil-Fieber in der Schweiz im aktuellen Radar Bulletin vom 15. Oktober 2026 als gross ein.

Ob und wann ein einzelnes Pferd geimpft werden sollte, sollte mit der behandelnden Tierärztin oder dem behandelnden Tierarzt anhand von Standort, Mückenexposition, Reiseaktivität und individuellem Risiko besprochen werden.

Quellen:

IVI – erster Schweizer WNV-Fall beim Pferd
Vetpharma: Information zum zugelassenen Impfstoff 


Information Pferdeklinik Niederlenz auf YoutubeÜbersicht über Pferdekrankheiten: https://www.equinella.ch/home/ 

© Alle Rechte Fair Horse by Corinne Hauser 

Weitere Informationen:
Pferdefütterung: www.bestofhorsehay.com
Pferdewissen und Pferdegesundheit: www.fairhorse.ch/wissen-fur-alle


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