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Warum hustet mein Pferd trotz bedampftem Heu?

Wie kann das sein?
19. Oktober 2026 durch
BEST OF HORSE HAY, Corinne Hauser

Bedampftes Heu wird häufig empfohlen, wenn Pferde empfindliche Atemwege haben oder bereits an equinem Asthma leiden. Die Idee dahinter ist nachvollziehbar: Durch korrektes Bedampfen lässt sich die Belastung mit lungengängigen Partikeln sowie mit Schimmelpilzen und Bakterien deutlich reduzieren.

Doch reduziert bedeutet nicht eliminiert - das ist das häufigste Missverständnis.

Ein Pferd kann trotz bedampftem Heu weiterhusten. Das bedeutet weder automatisch, dass der Bedampfer nicht funktioniert, noch dass das Heu zwangsläufig die einzige Ursache ist.

Bedampfen verbessert Heu – es macht daraus aber kein „staubfreies“ Futter
Untersuchungen zeigen, dass korrektes Bedampfen die Belastung von Heu erheblich reduzieren kann. In einer Studie von Moore-Colyer et al. wurden lungengängige Partikel sowie Bakterien und Schimmelpilze durch vollständiges Bedampfen stark reduziert. Entscheidend war allerdings das richtige Verfahren; unzureichende Behandlung kann andere Ergebnisse liefern.

Eine neuere Untersuchung zeigte ebenfalls einen deutlichen Effekt: Die Menge respirabler Partikel sank durch Bedampfen bei Standardheu durchschnittlich um 69 % und bei stärker staubbelastetem Heu um 87 %. Gleichzeitig blieb das ursprünglich stärker staubbelastete Heu auch nach dem Bedampfen stärker belastet als das Standardheu.

Die Ausgangsqualität des Heus bleibt relevant.
Aus hygienisch problematischem oder sehr staubigem Heu wird durch Bedampfen nicht automatisch ein qualitativ hochwertiges Raufutter.

1. Ein empfindliches Pferd kann bereits auf geringe Restbelastungen reagieren
Equines Asthma ist eine entzündliche Erkrankung der Atemwege. Zu den möglichen Auslösern gehören Bestandteile organischer Stäube wie Schimmelpilze, Endotoxine, Mikroorganismen und Pollen, aber auch reizende Gase und andere Umweltbelastungen.

Bei einem gesunden Pferd kann eine bestimmte Partikelkonzentration möglicherweise keine sichtbaren Symptome auslösen. Ein Pferd mit bereits entzündeten oder überempfindlichen Atemwegen kann dagegen deutlich stärker reagieren.

In diesem Zusammenhang sollte man sich immer fragen: "Wie hoch ist die gesamte Belastung, der dieses Pferd über 24 Stunden ausgesetzt ist?“

2. Auch bedampftes Heu kann bei schwerem equinem Asthma problematisch bleiben
Dieser Punkt ist besonders interessant, weil neuere wissenschaftliche Untersuchungen das Bedampfen differenzierter betrachten als noch vor einigen Jahren.

Eine 2018 veröffentlichte Untersuchung an Pferden mit schwerem equinem Asthma zeigte zwar, dass Bedampfen den Schimmelgehalt des Heus deutlich reduzierte. Die Entzündungsreaktionen der Atemwege verschwanden dadurch jedoch nicht zuverlässig. Die Autoren bezeichneten die Bedeutung von bedampftem Heu als alleinige nichtmedikamentöse Massnahme bei schwerem Asthma deshalb als kontrovers.

Noch deutlicher wurde dies in neueren Untersuchungen.
In einer kontrollierten Studie mit Pferden mit schwerem equinem Asthma wurden bedampftes Heu und Luzernepellets miteinander verglichen. Beide Fütterungsformen führten zu Verbesserungen, die Ergebnisse waren mit Pellets jedoch teilweise besser. Nach vier Wochen war beispielsweise der Trachealschleim-Score bei Pelletfütterung niedriger als bei bedampftem Heu.

Eine weitere 2025 publizierte Untersuchung fand bei Pferden mit schwerem equinem Asthma sogar eine leichte Verschlechterung von Lungenfunktion und Atemwegsentzündung während der Fütterung von bedampftem Heu. Aufgrund der kleinen Zahl untersuchter Pferde dürfen daraus keine pauschalen Schlüsse gezogen werden – die Studie zeigt aber deutlich, dass Bedampfen keine Garantie für Beschwerdefreiheit darstellt.

3. Vielleicht liegt das Problem gar nicht nur beim Heu
Das Pferd verbringt nur einen Teil des Tages mit Fressen. Eingeatmet wird dagegen 24 Stunden täglich.
Deshalb reicht es bei einem hustenden Pferd nicht, ausschliesslich auf das Heu zu schauen.

Mögliche Belastungsquellen sind unter anderem:
- Einstreu und Stallstaub
- Aufschütteln oder Verteilen von Stroh und Spänen
- Fegen und Ausmisten
- Heulagerung innerhalb oder oberhalb des Stalles
- trockene Reitböden und Hallenstaub
- schlechte Stalllüftung
- Staubentwicklung durch Nachbarboxen
- Schimmelbelastungen im Stall
- Pollen und andere Umweltallergene
- Ammoniak und andere reizende Gase

Das Merck Veterinary Manual empfiehlt bei equinem Asthma deshalb nicht lediglich eine Veränderung des Futters, sondern ein umfassendes Management der Umgebung: möglichst staubarme Fütterung und Einstreu, gute Lüftung sowie eine Minimierung der Exposition gegenüber organischem Staub.

Die Lunge unterscheidet nicht zwischen „Heustaub“ und „Stallstaub“. Entscheidend ist die gesamte Belastung der Atemwege.


4. Husten bedeutet nicht automatisch „Heustauballergie“

Auch das wird häufig übersehen.
Husten ist ein Symptom, keine Diagnose.

Neben equinem Asthma kommen beispielsweise infektiöse Erkrankungen der Atemwege, Erkrankungen der oberen Atemwege und weitere entzündliche Prozesse als Ursache infrage. Atemwegserkrankungen können unter anderem mit Husten, Nasenausfluss, erhöhter Atemfrequenz, Atemgeräuschen oder erschwerter Atmung einhergehen.

Bei wiederkehrendem oder anhaltendem Husten sollte deshalb tierärztlich abgeklärt werden, warum das Pferd hustet.

Je nach Situation können klinische Untersuchung, Endoskopie, Beurteilung des Trachealschleims oder eine bronchoalveoläre Lavage (BAL) erforderlich sein.

Denn erst wenn die Ursache beziehungsweise die Art der Atemwegserkrankung bekannt ist, kann das Management gezielt angepasst werden.

5. Die Ausgangsqualität des Heus wird durch Bedampfen nicht bedeutungslos
„Wir bedampfen sowieso“ sollte deshalb niemals ein Argument dafür sein, bei der Heuqualität weniger genau hinzusehen.

Ein anschauliches Ergebnis liefert eine aktuelle Untersuchung: Obwohl Bedampfen bei Standardheu und staubigerem Heu die respirablen Partikel deutlich reduzierte, blieb das staubigere Ausgangsheu auch nach dem Bedampfen stärker mit respirablen Partikeln belastet.

Bedampfen ist eine Massnahme zur Reduktion der Belastung – keine Reparaturmethode für schlechtes Heu.
Hygienisch einwandfreies Ausgangsmaterial bleibt die Voraussetzung.

6. Manchmal muss man über eine Alternative zu Heu nachdenken
Besonders empfindliche Pferde können trotz korrekt bedampftem, qualitativ gutem Heu Symptome zeigen.

Auch das Merck Veterinary Manual weist darauf hin, dass Einweichen oder Bedampfen von Heu die Staubbelastung erheblich reduzieren kann, bei hochsensiblen Pferden jedoch teilweise nicht ausreicht. Als mögliche Alternativen werden unter anderem Heucobs bzw. pelletierte Raufutterprodukte und Haylage genannt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine randomisierte Studie mit 43 Vollblut-Rennpferden. Sowohl bedampftes Heu als auch Haylage reduzierten gegenüber trockenem Heu die Staubexposition im Atembereich. Bei den mit Haylage gefütterten Pferden sank zusätzlich der Anteil neutrophiler Granulozyten in der BAL-Flüssigkeit innerhalb von sechs Wochen.

Das bedeutet nicht, dass Haylage grundsätzlich für jedes hustende Pferd die bessere Lösung ist.

Bei Atemwegspatienten muss die Raufutterwahl individuell beurteilt werden.

7. Auch die Handhabung nach dem Bedampfen gehört zum Management
Bedampftes Heu ist warm und feucht. In wissenschaftlichen Versuchen wird deshalb sehr kontrolliert damit umgegangen.

In einer aktuellen Studie wurde das Heu unmittelbar vor jeder Mahlzeit vollständig bedampft, nach kurzem Abkühlen innerhalb von weniger als 30 Minuten verfüttert und übrig gebliebenes Futter verworfen.

Für die Praxis bedeutet das: Nicht nur ob, sondern auch wie bedampft wird, ist wichtig.
Temperatur, Dauer, gleichmässige Durchdringung des Heus, Hygiene des Gerätes sowie die Zeit zwischen Bedampfen und Verfütterung gehören zum Gesamtkonzept.

Wenn das Pferd trotz bedampftem Heu hustet
Dann sollte die Schlussfolgerung, dass Bedampfen nicht funktioniert, nicht lauten. Sondern die folgenden Fragen können weiterhelfen:

Wie gut war das Heu vor dem Bedampfen? 
Wie konsequent und vollständig wird es bedampft? 
Welche Belastungen bestehen im restlichen Stall? 
Wie staubig sind Einstreu und Reitboden? 
Wie gut ist die Lüftung? 
Ist tatsächlich equines Asthma diagnostiziert? 
Und ist dieses Pferd möglicherweise so empfindlich, dass selbst bedampftes Heu noch zu viel Belastung darstellt?

Gerade bei chronischen Atemwegserkrankungen ist nicht eine einzelne Massnahme entscheidend, sondern die Summe aller eingeatmeten Belastungen.

Fazit
Bedampfen kann die Belastung durch Staub, Schimmelpilze und Mikroorganismen im Heu erheblich reduzieren und ist deshalb eine wertvolle Massnahme im Atemwegsmanagement. Jedoch ist bedampftes Heu nicht automatisch staub- und keimfrei. Bedampfen macht schlechtes ungeeignetes Futter nicht zu gutem Pferdeheu. Grundsätzlich muss im Stallmanagement auf eine lungenfreundliche Umgebung geachtet werden.

Wenn ein Pferd trotz bedampftem Heu weiter hustet, lohnt es sich deshalb, nicht noch stärker auf eine einzelne Massnahme zu setzen, sondern das gesamte System aus Raufutter, Stallklima, Einstreu, Haltung, Bewegung und medizinischer Diagnose zu betrachten.

Quellen / weiterführende Fachliteratur
Moore-Colyer M.J.S., Taylor J.L.E., James R. (2016): The Effect of Steaming and Soaking on the Respirable Particle, Bacteria, Mould, and Nutrient Content in Hay for Horses. Journal of Equine Veterinary Science 39: 62–68.
Orard M. et al. (2018): The influence of hay steaming on clinical signs and airway immune response in severe asthmatic horses. BMC Veterinary Research.
Symoens C. et al.: *Steamed hay and alfalfa pellets for the management of severe equine asthma.* Equine Veterinary Journal.
Steamed hay for the prevention of severe equine asthma exacerbations. Equine Veterinary Journal, 2025.
Effects of low-dust forages on dust exposure, airway cytology, and plasma omega-3 concentrations in Thoroughbred racehorses: A randomized clinical trial.

Merck Veterinary Manual: Asthma in Horses sowie Overview of Respiratory Diseases of Horses.

Man muss das Heu nicht selbst produzieren, um die Gesundheit des Pferdes positiv zu beeinflussen. Wer Raufutter versteht, erkennt Zusammenhänge früher, stellt die richtigen Fragen und trifft bessere Entscheidungen – zum Wohl seines Pferdes.​

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